zdf.Mail, Dienstag 30.09.2008 [22.59 Uhr]MEZ
 
Thema Turbo-Abi
Verbaute Chancen und zerpflückte Lehrpläne
Direktorin Gisela John im Gespräch zum Thema Schule


http://37grad.zdf.de/ZDFde/inhalt/9/0,1872,7378217,00.html


Die Jenaplan-Schule gehört zu den Schulen, die neue Wege gehen und wurde
dafür mit dem Deutschen Schulpreis 2006 ausgezeichnet. Fachübergreifende
Projekte, altersgemischte Gruppen, Ziffernnoten erst ab der siebten Klasse
- und fast drei Viertel aller Schüler machen Zentralabitur. Die Direktorin
der Schule, Gisela John, erklärt im Interview einige Ansätze des
erfolgreichen Konzeptes.


ZDF: Wie sinnvoll ist die Entscheidung für eine weiterführende Schule nach
der Grundschulzeit?

Gisela John: Es ist Unsinn. Es ist ein Aussortieren in ganz jungen
Schuljahren, wo für das Kind alles noch möglich ist. Eine frühe Festlegung
ist für Schüler furchtbar. Und auch für die Eltern, weil die spätestens im
dritten Schuljahr anfangen, unter Druck zu geraten. Dieser Druck wird
natürlich auf die Schüler übertragen.

Wir können aus unserer siebzehnjährigen Schulpraxis wirklich auf
Schülerbiographien verweisen, wo sich Schüler später sehr gut entwickelt
haben. Wir selbst hätten das nie für möglich gehalten. Wo sich eine
Diagnostik, die meinetwegen im vierten Schuljahr gestellt wurde, als falsch
herausgestellt hat. Die Chance für das Kind verbaut man natürlich mit einer
Auswahl im vierten Schuljahr. Außerdem ist es respektlos, einen Menschen so
einzuordnen.

ZDF: Was kreiden sie dem Schulsystem an, insbesondere den deutschen
Gymnasien?

Gisela  John: Wie gesagt, das Sortieren nach scheinbar leistungsgleichen
Gruppen. Das ist in Deutschland so drin. Und man glaubt, je
perfektionierter man das betreibt, umso besser werden Schulen. Inzwischen
glaubt man es vielleicht auch nicht mehr. Und auch ein Verständnis von
Leistung. Man glaubt, man müsse immer an einer normativen Barriere messen
und zwar möglichst nach dem Gleichheitsprinzip. Man meint, dass dadurch
eine Objektivität beim Bewerten gegeben ist. Aber das ist nicht so. Die
Bewertung ist immer subjektiv. Und aus dieser Misere kann man eigentlich
nur herauskommen, indem man Bewertungskriterien transparent macht für
Schüler, für Eltern, auch unter den Lehrern und indem Schüler lernen, ihren
eigenen Entwicklungsstand einzuschätzen.

ZDF: Sie arbeiten oft fächerübergreifend, in Projekten und in
altersgemischten Gruppen. Was sind die Vorzüge solcher Vorgehensweisen?

Gisela John: Das ist eine Unterrichtsform, die offene Lernsituationen
möglich macht. Hier können Schüler Lerngruppen bilden, sich entsprechend
ihrer Stärken gegenseitig helfen, aber auch Schwächen ausgleichen. Das ist
für den Lehrer gut, weil er er den Rücken frei hat. Er hat nicht eine
Klasse vor sich sitzen, hintereinander, in Reih und Glied. Hier kann der
Lehrer beobachten, wie das Lernen vonstatten geht. Und Schüler können nach
ihren Interessen lernen.


Wobei man aber beachten muss, dass Lernen nicht nur erfolgen kann, indem
Schüler aus ihrer Erfahrungswelt schöpfen. Wir als Erwachsene haben die
Aufgabe, sie mit Inhalten vertraut zu machen, sie an Inhalte heranzuführen.
Ja, eigentlich eine Atmosphäre zu schaffen, wo Bildung wachsen kann. Eine
Atmosphäre, die geprägt ist von Kultur, von gegenseitiger Achtung im
Miteinander-Umgehen, im Miteinander-Lernen.

ZDF: Man kann alle staatlichen Abschlüsse an der Jenaplan-Schule machen.
Wie geht das?

Gisela John: Wie an jeder staatlichen Schule gibt es die versiegelten
Umschläge, die frühmorgens, eine Stunde vor der Prüfung, aus dem Tresor
geholt werden. Diese Fragen haben die Schüler in der Prüfungsphase zu
bewältigen. Unser Konzept lässt sich realisieren, indem wir alle Lehrpläne
genommen haben, sie auseinandergepflückt haben, wörtlich, auf den Boden
gelegt und einfach geguckt haben, wie man Inhalte sinnvoll zusammenführen
kann.

Ein Beispiel: Wir unterrichten nicht Chemie, Biologie, Physik. Wir
unterrichten "Natur". Die Themen, die man in einer "normalen" Schule
beispielsweise in Biologie im achten Schuljahr, in Physik im neunten und in
Chemie vielleicht im elften Schuljahr hat, die werden zusammengeführt. So
wird es auch für die Schüler viel leichter fassbar. Und dadurch gewinnen
wir Zeit, Zeit zum eigentlichen Lernen, was den Schülern zugute kommt.

ZDF: Das ganze Konzept der Jena-Plan-Pädagogik muss sich sicherlich auch
häufiger Vorwürfe wie "Kuschelpädagogik" anhören. Wie steht denn die
Schule im Ländervergleich überhaupt?

Gisela  John: Wir haben sehr sehr gute Abschlussergebnisse, sowohl beim
Abitur als auch beim Realschulabschluss. Aber was uns viel wichtiger ist:
Die Schere zwischen dem leistungsschwächsten und zwischen dem
leistungsstärksten Schüler ist immer kleiner geworden. Wir denken, dass das
aus dieser anderen Arbeit resultiert. Schüler bekommen bei uns erst im
siebten Schuljahr eine Ziffernote. Für diejenigen, die immer an der Spitze
vorne dran sind, ist es gewiss nicht hinderlich, gute Noten zu bekommen.
Aber für andere schon.

Aber auch die sehr Guten müssen etwas lernen. Sie dürfen nicht ohne
Anstrengung, nur weil es ihnen leicht fällt, zu sehr guten Ergebnissen
kommen. Auch sie müssen spüren, dass Anstrengung zum Erfolg führt. Ein
Erfolg findet immer dann statt, wenn ich selbst für mich feststellen kann:
"Ich bin voran gekommen, für mich." Dabei ist es egal, auf welchem
Gebiet. Und wenn es nur im sozialen Miteinander ist oder im Verständnis
oder in der Zuwendung einem anderen gegenüber.

Diese Gleichmacherei durch die Notengebung ist Unsinn. Kriegt einer seine
Einsen ohne Anstrengung, dann wird er zum Protz, zum Großmaul. Und der
andere, der sich abmüht, da sagt man dann gönnerhaft: "Na ja, der kriegt
seine Dreien." oder "Der kriegt dann mal sein Bonbon, wenn mal so was
Außergewöhnliches gemacht wird. Wenn er mal zu Hause etwas vorbereiten
kann." Und das ist ein Todesstoß. Damit erzieht man keine gebildete
Menschen.