zdf.Mail, Dienstag 30.09.2008 [23.02 Uhr]MEZ
Thema Turbo-Abi
Schule als Lebensraum
Die Autorin über eine Schule, die neue Wege geht
http://37grad.zdf.de/ZDFde/inhalt/16/0,1872,7380176,00.html
Wir wollten in dem Film neben der G8-Problematik auch eine Schule
vorstellen, an der andere Wege gegangen werden. Wo Schüler Lust am Lernen
haben, wo die Schulleitung nicht politische Antworten abwartet, sondern
selbst ans Werk geht, wo bewiesen wird, dass auch im Rahmen der geltenden
Schulordnung andere Konzepte realisierbar sind. Glücklicherweise musste ich
dafür nicht nach Finnland oder Schweden gehen, sondern bin in Deutschland
fündig geworden.
Es gibt kleine Lichtblicke in der Bildungslandschaft. Meine Recherchen
führten mich unter anderem nach Jena an die Jenaplan-Schule. Eine Schule,
in die man von der ersten bis zur 13. Klasse geht. Hier lernt jeder im Team
und fühlt sich nicht als Einzelkämpfer. Es gibt keine Gewinner und
Verlierer, kein Sitzenbleiben und keinen Frontalunterricht.
Noten werden erst ab der siebten Klasse gegeben und der Unterricht findet
in altersgemischten Gruppen statt. Unterrichtsstunden beginnen in
Kreisform, wo Pläne geschmiedet und Ziele gesetzt werden. Es gibt kein
Lernen im 45-Minuten-Takt und keine Einteilung der Welt in zahllose
Einzelfächer.
Fast drei von vier Schülern machen Abi
Die Schüler sollen eigene Erfahrungen machen, und nicht durch
Frontalunterricht belehrt werden. Sie können sich die Welt des Wissens im
eigenen Tempo erobern. Schule wird hier von kaum jemandem als Zwang
empfunden, und Nachhilfeunterricht ist ein Fremdwort. Ziel ist, das ganze
Spektrum individueller Begabungen zum Blühen zu bringen. Von der ersten bis
zur 13. Klasse. Alle Schulabschlüsse sind möglich.
Erstaunt hat mich vor allem, dass fast dreiviertel der Schüler
Zentralabitur machen. Ist das nicht der Beweis dafür, wie unsinnig die
Entscheidung ist, die man in der vierten Klasse treffen muss? Das
Aussortieren in der Grundschule, ohne zu wissen, welche Entwicklungssprünge
Kinder vielleicht in den nächsten Jahren machen. Ich empfinde es als
furchtbar, dass Kinder im Alter von neun Jahren diagnostiziert und
eingeordnet werden, und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es
auch die Würde der Kinder verletzt.
Ein neues Bild von Schule
Nach den Dreharbeiten an der Jenaplan-Schule weiß ich endlich, wie ich mir
Schule vorstelle. Aber deshalb den Lebensmittelpunkt in eine andere Stadt
verlegen? Es gibt auf jeden Fall immer mehr Eltern, die einen Umzug nicht
scheuen, um ihren Kindern bessere Chancen zu ermöglichen.
Für mich war es in Jena erleichternd zu sehen, dass es auch in Deutschland
reformpädagogische Ansätze gibt, wo spannende Lernsituationen geschaffen
werden, frei von Konkurrenzdruck. Wo Schule nicht nur Lernfabrik ist,
sondern Lebensraum, in dem auch Persönlichkeitsentwicklung stattfinden
kann. Ich bin dankbar, dass ich diesen Film machen konnte, denn er hat mir
nicht nur in vielen schulpolitischen und pädagogischen Fragen die Augen
geöffnet. Es war auch für mich persönlich eine Chance, einen neuen Zugang
zum Thema Schule in meiner Familie zu finden.